Traditionen und Folklore

Viele bulgarische Bräuche, Lieder und Tänze haben die Jahrhunderte überdauert. Die bulgarischen Volkslieder und der Klang der Dudelsäcke faszinieren nicht nur Fans, sondern begeistern auch Musikliebhaber, die sie erst kennenlernen. Auf der goldenen Schallplatte, die die NASA an Bord der Voyager ins Weltall schickte, ist ein bulgarisches Volkslied aufgezeichnet.

Die bulgarischen Bräuche sind eine einzigartige Mischung aus heidnischen und christlichen Riten. Viele davon werden bis heute in den kleinen Dörfern auf dem Lande praktiziert, sonst sind sie eine Touristenattraktion und werden von professionellen Darstellern vorgeführt. Authentisches Brauchtum und Folklore kann man in den Rhodopen, Strandscha, Pirin und viele andere Regionen entdecken.

Über einige der charakteristischen und am weitesten verbreiteten Bräuche erfahren Sie auf den nächsten Abschnitten.

Marteniza

Traditionen und Folklore

Marteniza ist ein kleiner rot-weißer Schmuck, mit dem der Frühlingsanfang zelebriert wird. Es handelt sich um kleine rot-weiße Anhänger, Quasten, Püppchen oder schlichte Armbänder aus Stoff, Wolle oder Baumwollfäden, die als Talisman für Gesundheit verschenkt und getragen werden. In manchen Regionen fügt man auch blaue Fäden hinzu, als Schutz vor Fluchen und Verwünschungen.

Die Bulgaren beschenken sich gegenseitig mit Martenizi am 1. März. Die rot-weißen Glücksbringer trägt man dann solange, bis man ein erstes Frühlingszeichen - einen Storch, eine Schwalbe oder einen blühenden Baum sieht. Ursprünglich haben sich nur Frauen und Kinder mit Martenizi geschmückt. Die älteste Frau im Haus stellte sie her und beschenkte damit die Kinder und die jüngeren Frauen.

Nur Martenizi, die man geschenkt bekommen hat, bringen Gesundheit und Glück.

Ostern

Ostern ist die bedeutendste Feier für die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche und für die meisten Bulgaren. Die Vorbereitungen für das Fest dauern eine ganze Woche an, die Ostereier werden am Gründonnerstag oder am Karsamstag gefärbt.

Die bunten Eier symbolisieren den Neuanfang und die Auferstehung. Vor der Erfindung der künstlichen Farbstoffe hat man Pflanzen zur Färbung der Eier benutzt, z. B. Zwiebel, Oregano, Brennesel, Walnuss. Das erste Ei wird von der ältesten Frau im Haus rot gefärbt. Danach macht sie mit dem Ei das Kreuzzeichen den Kindern auf die Stirn, damit sie gesund und munter sind. Das Ei wird dann auf dem Hausaltar - meist eine Ikone - bis zu den nächsten Ostern aufbewahrt. Beim Eierfärben werden Wachs und die Blätter von verschiedenen Pflanzen, meist Storchschnabel, verwendet, um interessante dekorative Formen zu kreieren.

Koledari

Auch zu Weihnachten wird althergebrachten Bräuchen nachgegangen, die heidnischen und christlichen Elemente in sich vereinen. Am Heiligabend versammelt sich die gesamte Familie fürs Abendessen, das letzte in der vorweihnachtlichen Fastenzeit. Die Anzahl der Gerichte, die kein Fleisch enthalten dürfen, muss ungerade sein. Traditionsgemäß dürfen auf dem Tisch Brot, Trockenobst, Wein und Kohlrouladen nicht fehlen.

Nach Mitternacht beginnen die Koledari das Ritual. Nur junge, unverheiratete oder frisch verheiratete Männer können Koledari sein. Einige Tage vor dem Fest versammeln sie sich und üben Weihnachtslieder ein. Am Heiligabend ziehen sie als Gruppe singend von Haus zu Haus. Bis Sonnenaufgang müssen sie in jedem Haus im Dorf oder ihrem Viertel gewesen sein. Es werden feierliche Trachten getragen. Das Eintreffen der Koledari wird freudig erwartet. Der Hausherr bietet ihnen Brot, Wein und Geld an, im Gegenzug singen die Koledari Weihnachtslieder, segnen den Haushalt und wünschen der Familie Gesundheit und Wohlstand. Die jüngste Frau im Haus schenkt ihnen speziell vorbereitete Bretzeln.

Lasarki

Lasaruvane ist ein alter Brauch, mit dem der Frühlingsanfang am Tag des Heiligen Lazarus - 8 Tage vor Ostern - zelebriert wird. Am Lazarustag werden Weidenzweige abgeschnitten, mit denen man die Haustür für den Palmsonntag schmückt. Junge Mädchen versammeln sich, pflücken Blumen und flechten Blumenkränze. Danach ziehen sie, bekleidet in festlichen Trachten und geschmückt mit Blumen, von Haus zu Haus und singen und tanzen für Gesundheit und Wohlergehen der Familie.

Die Hausherrin bedankt sich mit kleinen Gaben. Der Legende nach findet ein Mädchen keinen Ehemann, wenn es am Lasaruvane nicht teilnimmt.

Kukeri

Die Wurzeln dieses Brauchs liegen in der heidnischen Vergangenheit Bulgariens. Kukeri nennt man die Männer, die an Kukeri-Tagen durch die Straßen der Städte und Dörfer tanzen, um die bösen Geister zu verjagen. Der Anführer der Gruppe ist immer ein verheirateter Mann. Jeder der Kukeri trägt eine Maske. Kukeri- Masken werden aus Leder hergestellt und mit Fellen oder Federn, bunten Glasperlen und Wollfäden geschmückt. Jeder Kuker trägt ein Kostüm aus Fell und mehrere Glocken am Körper- solche, die man in Bulgarien Schafen und Ziegen umhängt. Wenn die Kukeri tanzen und springen, machen die Glocken einen ohrenbetäubenden Lärm. Trifon Zarezan.

Am 1. Februar feiert die orthodoxe Kirche den heiligen Trifon, ein Wunderheiler und Märtyrer. Er gilt als Patron der Winzer und Weinhersteller, die ihm zu Ehren an diesem Tag den ersten Rebschnitt festlich vollführen.

Die Hausfrauen stehen früh auf, um Brot zu backen und andere traditionelle Gerichte vorzubereiten, die dann zum Weingarten mitgenommen werden. Dort werden Fruchtbarkeitsrituale durchgeführt und ein Rebenkönig gekürt, üblicherweise ein wohlhabender Weingutbesitzer. Die Feierlichkeiten werden mit einem Festessen abgeschlossen.

Alle mit Namen Trifon feiern am 1. Februar Namenstag.

Nestinari

Der originelle Brauch Nestinarstvo - das Tanzen auf Glut - wird immer noch in ein paar Dörfer im südöstlichen Strandscha Gebirge praktiziert. Manche glauben, dass er heidnische Wurzel hat, obwohl die Nestinari - die Feuertänzer - beim Tanz Ikonen der Hl. Konstantin und Elena in den Händen halten. Der Brauch wurde früher von der Kirche abgelehnt, mit der Begründung, dass die Nestinari vom Teufel besessen seien. Das beeindruckende Ritual wird am 3. Juni, dem Tag der Hl. Konstantin und Elena durchgeführt. Das Feuer wird schon am frühen Morgen angezündet und brennt den ganzen Tag, bis am Abend nur noch Glut übrigbleibt.

Die Tänzer bereiten sich geistig mit reinigenden ritualen vor. Die Nestinari versetzen sich in Trance und tanzen barfüßig auf der Glut zu den Rhythmen von Tapan (einer Art großer Trommel) und Gaida (Dudelsack), mit der Ikone der Hl. Konstantin und Elena in den Händen. Es heißt, dass während des Feuergluttanzes die Nestinari die läuternde Kraft des Feuers in sich aufnehmen können. Dem religiösen Glauben nach werden die Feuertänzer vom Geist der heiligen Beschützer dieses altertümlichen Brauches gestärkt und geleitet.